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IT-Standards an Schulen in Deutschland

Was ein Hausbau mit ICILS und MINT gemeinsam hat

Mit Schul-IT in der Cloud verhält es sich wie mit dem Hausbau: Lassen Sie Fachleute ran und vertrauen deren Erfahrung. Sonst wird das nix.

Ulrich Sawade vergleicht das zögerliche Verhalten der Bundesländer zur längst überfälligen Einführung einer flächendeckenden Schul-IT  und die Angst vor "der Cloud" mit dem Verhalten eines Bauherrn, der nach gründlicher Beratung und Angebotseinholung beschließt, sein Haus eigenhändig zu bauen. Das Ergfebnis entspricht keinem Standard, wird nicht schön aussehen, mehr schlecht als recht funktionieren und gelinde gesagt eine Katastrophe sein.

Der Bauherr und sein Haus

Stellen Sie sich vor, Sie wollen ein Haus bauen. Und dann gehen Sie den ganz normalen Weg. Sie leihen sich Geld, schauen sich Angebote an, vergleichen hier und da, lassen sich von Unternehmen beraten, die schon mehr als eins gebaut haben, sehen sich um, was an sinnvollen Ideen einfließen könnte, lernen Dinge über Niedrigenergie und Sonnenkollektoren, Wasseraufbereitung und intelligente elektronische Systeme. Irgendwann sind Sie an dem Punkt, wo Sie sich Angebote einholen und dann … ja, dann entscheiden Sie sich als Bauherr, das Haus komplett alleine zu bauen, denn Sie haben ja jetzt gesehen, wie es aussehen soll und wie es geht.

Also legen Sie los, holen sich zehn Freunde zum Helfen, mieten Bagger zum Ausheben, LKW zum Entsorgen der Erdmassen, beginnen mit dem Ausgießen des Fundaments, ziehen Mauern hoch (was sie eigentlich noch nie gemacht haben, aber wunderbarerweise trotzdem irgendwie funktioniert), legen Stürze für die Türen und Fenster, setzen gar den Giebel oben aufs Dach – Richtfest! Geht doch. Ein bisschen schräg vielleicht, das Ganze, aber mein Gott … das ist der erste Versuch.

Weiter geht’s: Leitungen werden gezogen, Schlitze gehauen, Rohre verlegt, Fenster eingebaut, Türen – Mist, sie haben bei den Türen nicht bedacht, dass es Standards gibt – egal, etwas Mauer muss wieder weg, ein bisschen Schwund ist immer.

Das Haus wächst weiter, im Laufe der Zeit haben sich ein paar Anforderungen geändert – was soll’s, es gibt doch Muffen, Konverter und  Adapter … und na gut, hier muss noch ein Rohr verlegt werden, ist zwar unter Putz kein Platz mehr, aber dafür darüber. Passt schon.

Das Gebäude sieht irgendwie schon seltsam aus, ein Anbau hier, Rohre da, ein oder zwei Fenster nicht so ganz im Lot, und die eine oder andere Mauer wölbt sich auch ein wenig nach innen oder außen. Jetzt rufen Sie Versorger an und wollen an Gas, Wasser, Strom angeschlossen werden … da stellen Sie fest, dass die preiswerten Verbindungen aus Absurdistan irgendwie doch nicht so ganz den hier geltenden Standards entsprechen (trotz anderslautender Beteuerungen beim Kauf! Skandal!).

Die Bundesländer und die IT-Standards an Schulen in Deutschland

Okay, wir brechen das hier ab, Sie verstehen sicher, was gemeint ist. Und natürlich würden Sie nie, niemals so vorgehen.

Jetzt ersetzen Sie bitte den Bauherrn durch „Bundesländer“ und das Haus durch „IT-Standards an Schulen in Deutschland“ – und oh Wunder, der Text muss gar nicht geändert werden: denn das ist leider die Realität. Sechzehn „Häuslebauer“, die alles selbst machen wollen und dann früher oder später feststellen, dass es nicht funktioniert – willkommen in Deutschland 2018.

Dabei gibt es seit Jahren Standards, Lösungen und maßgeschneiderte Technologie, die jederzeit und sofort eingesetzt werden könnte. Wenn man sich denn wenigstens einig wäre. Aber wir leben in einer Dissenzgesellschaft – jedem Vorstoß, jedem Vorschlag, jeder Lösungsidee wird mit einem „Ja, aber“ begegnet. Im Zweifel 16 Mal. Entweder sind es die globalen Unternehmen, die es – vermutlich -  auf die pädagogischen Inhalte der Schulen abgesehen haben, dann wiederum wird deutscher Datenschutz zur letzten Festung in einer digitalen Chaoswelt, dann sind es politische Verhältnisse in (hier bitte Land Ihrer Wahl einsetzen), die gerade jetzt alles verhindern oder ein Whistleblower sagt gerade, „was wir sowieso immer gewusst haben“.

Es geht nicht um Daten und Datenschutz, es geht um Medienkompetenz

Dabei geht es eigentlich gar nicht um Daten und niemand bezweifelt, dass Datenschutz wichtig ist. Es geht um Medienkompetenz, die unsere Kinder in unseren Schulen nicht oder nur sehr rudimentär erworben haben. Und nein: Medienkompetenz ist nicht das gleiche wie WhatsApp oder Facebook rauf und runter bedienen zu können. Medienkompetenz ist die Fähigkeit, Fake News von echten News unterscheiden zu können, zu wissen, warum und wann man technische Hilfsmittel einsetzt und wann nicht oder erkennen zu können, welche Intention kommerzielle Web-Angebote von Informationen unterscheidet. Es soll mal jemand erklären, wie das mit Verboten oder Ignoranz möglich sein soll. Sollte Ihnen der Begriff „Medienkompetenz“ zu sperrig sein, wie wäre es mit „Mündigkeit im Umgang mit digitalen Medien“? Denn nach meiner Auffassung werden nur diejenigen, die sachkundig und verantwortungsvoll mit neuen Technologien umgehen können, Chancen einer digitalen Welt nutzen können, ohne die Risiken zu unterschätzen.

Leider sieht es aktuell so aus, dass es immer auf das Gleiche, Konträre hinausläuft: verbieten, alles verbieten. IT in der Schule ist Teufelswerk, unnötig, pädagogisch umstritten, didaktisch irrelevant. Tafel und Kreide müssen reichen.

MINT-Nachwuchsbarometer-Studie 2017

Fakt ist allerdings, dass beinahe jede Studie Deutschland im internationalen Vergleich alt aussehen lässt. Ein Beispiel: die MINT-Nachwuchsbarometer-Studie 2017 der deutschen Akademie der Technikwissenschaften.

Was sich in deutschen Entscheiderköpfen offensichtlich noch nicht wirklich durchgesetzt hat, ist die Erkenntnis, dass dazu Standards nötig sind – und keine eigenbrötlerischen „Neuerfindungen“ einzelner Bundesländer. Und erst recht keine „Schulcloud“, „Deutschlandcloud“ oder wie immer das Baby genannt werden soll. Liebe Verantwortliche: das gibt es alles schon! Tatsächlich! Es muss nicht noch einmal erfunden werden, denn es funktioniert millionenfach. Überall auf der Welt, wie die ICILS Studie belegt: In keinem anderen ICILS-Teilnehmerland setzen Lehrkräfte Computer so selten ein wie in Deutschland. (s. ICILS_2013_Berichtsband)

Und im Vorwort des Dossiers MINT-Nachwuchsbarometer wird das daraus entstehende Dilemma auf den Punkt gebracht:

„Die Innovationskraft und Leistungsfähigkeit Deutschlands hängt weitgehend davon ab, dass in ausreichendem Maße Fachkräfte für die Gestaltung neuer und verbesserter Produktionsprozesse, Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle zur Verfügung stehen. Der Bedarf an gut ausgebildeten Expertinnen und Experten für das vernetzte Arbeiten und Produzieren der Zukunft, zum Beispiel in den Bereichen Industrie 4.0, Autonome Systeme, Smart Services, IT-Sicherheit oder Maschinelles Lernen, kann gegenwärtig aber nicht gedeckt werden. Eine kontinuierliche und effektive Förderung des naturwissenschaftlich-technischen Nachwuchses ist deshalb essenziell für eine nachhaltige Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft.“
Dossier MINT Nachwuchsbarometer 2017 - Prof. Dr. Dr. E. h. Henning Kagermann, Präsident Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und Dr. Lothar Dittmer Vorsitzender des Vorstands Körber-Stiftung

Es muss sich also noch viel ändern – vor allem in den Köpfen. Denn Veränderung beginnt mit dem Prozess des Wollens. Und ehrlich: Diese endlosen Diskussionen und Glaubenskriege werden nichts, aber auch gar nichts aufhalten. Was glauben Sie denn, was Sie tun, wenn Sie telefonieren, mit der EC-Karte zahlen oder Ihre Krankenkassenkarte beim Arzt abgeben? Sind das etwa keine Cloud-Dienste? 2019 wird es die Ergebnisse der ICILS Studie von 2018 geben. Wir dürfen gespannt sein, ob und was sich in den letzten 5 Jahren tatsächlich getan hat.

Denn es gilt nach wie vor: Die Wirklichkeit kümmert sich nur um die Besten.

 

 

 

 

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Just my 2 cents ... von Ulrich Sawade

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Ulrich Sawade, AixConcept

Es muss sich noch viel ändern – vor allem in den Köpfen.

Ulrich Sawade
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