© Volksbanken Raiffeisenbanken | Videoclip "Wir machen den Weg frei"
"Wir machen den Weg frei!"

Ist unsere Gesellschaft bereit für digitale Bildung?

Ein alter Werbespot ist in der Neuauflage um Smartphone und Banking App erweitert. Aber mit welchem Ziel sollen unsere Schüler und Schülerinnen sich mit digitalen Geräten beschäftigen?

Die Volks- und Raiffeisenbanken haben jüngst ihren gut 20 Jahre alten Werbespot mit dem Slogan „Wir machen den Weg frei!“ neu im Internet veröffentlicht. Wer sich nicht mehr an das Original erinnert: Zu sehen ist ein Zug, der rasend schnell durch die Nacht fährt. Während der Heizer in einem fort Kohlen in die Feuerung schaufelt, rast der Zug auf eine Brücke zu, in deren Mitte eine breite Lücke klafft. Die dramatische Handlung, mit passender Musik untermalt, spitzt sich zu, bis plötzlich aus dem Nichts ein doppelter Lichtbogen erscheint, der die Lücke in der Brücke schließt. Der Zug fährt hinüber, gibt sein Signal und wir hören den Slogan „Wir machen den Weg frei!“

In der Neuauflage folgt der glücklichen Brückenquerung eine Szene im Innern eines modernen ICE: Sie zeigt zwei Passagiere, einen Herrn und eine lesende junge Dame, die Kopfhörer trägt. Beide heben den Kopf und lächeln sich zu. Dann wendet sie sich wieder ihrem Buch zu, während er die Banking App auf seinem Smartphone bedient. Der Szene folgt der Slogan: „Wir machen den Weg frei - damals wie heute!“

Was sagt dieser Werbespot nun über die Digitalisierung unserer Gesellschaft aus?

Geht es um Buch versus Smartphone?

Die Botschaft zielt anscheinend auf die Smartphone-Nutzung als universelles Tool unserer Zeit ab. Immer zur Hand – überall online – alles übersichtlich im Blick! Bei näherem Betrachten stellte sich mir jedoch unweigerlich die Frage, ob es denn symbolisch zu verstehen ist, dass die junge Frau ein Buch in der Hand hält und eben kein „mobile device“.

Werfen wir beim aktuell fortscheitenden Digitalisierungsprozess in Wirtschaft und Gesellschaft einen Blick in die Schulen: Vielerorts kämpfen sie mit infrastrukturellen Problemen und gesetzlichen Bestimmungen. Das Bildungssystem hat sich verortet und einen Rahmen gegeben. Nun tut es sich nicht nur finanziell schwer, diesen so umzugestalten, dass er den Ansprüchen genügt, die von außen an das System herangetragen werden. Hinzu kommt, dass immer wieder Stimmen laut werden, die den Nutzen von mobilen Geräten im Schulkontext generell hinterfragen.  

Sind wir bereit für die Zukunft?

Wagt man einen Blick auf Twitter, wird einem bewusst, wie aufgeheizt andererseits bereits über Inhalte, Konzeptionen und praktisches Vorgehen gestritten wird. Wenn Kolleginnen und Kollegen über die Definitionen von „digitaler“ oder „zeitgemäßer Bildung“ streiten, ist dies ein Zeichen dafür, dass der Zug der Digitalisierung erneut im Schulbereich angekommen ist. Erneut, da es sich beim Diskurs sozusagen um ein Revival oder besser eine Reformation (=Umgestaltung) handelt. Die vorherrschenden Ideen und Ziele sind oft nicht neu, sondern entspringen langen Ideen- und Pädagogik-Traditionen.

Doch auf welche Ziele können wir uns einigen? Glauben wir Jack Ma, der vom Fortune Magazine 2017 mit Platz zwei der „World’s greatest leaders“ geehrt wurde, müssen sich Schüler und Schülerinnen vor allem mit Dingen beschäftigen, die Maschinen nicht ersetzen können. Nicht umsonst spricht die KMK und sprechen viele Bildungs- und Lehrpläne seit längerer Zeit nicht mehr von Wissen, sondern von Kompetenzen, die Schüler und Schülerinnen über ihre Schulzeit hinweg erwerben sollen.

Bei diesem Vorhaben können wir an vielen Stellen digitale Tools nutzen und zusätzlich Hilfestellung für das meist selbsterlernte Nutzungsverhalten im Umgang mit alltäglicher Technik geben. Diese Aufgabe könnte man wohl am ehesten mit einer Hilfe zur Selbsthilfe beschreiben. Nicht umsonst haben Ideen des „entdeckenden Lernens“, der Projektarbeit, des „Lernen-Lernens“ und der „Ideenentwicklung“ gerade (wieder) Hochkonjunktur.

Wenn dieses Ziel erreicht wird, benötigen die Schülerinnen und Schüler in Zukunft keinen mehr, der ihnen "den Weg freimacht". Das Ziel ist die Mündigkeit in einer digitalen Welt.

Apropos Mündigkeit: Wissen Sie wie ihre Bank-App funktioniert? 

© Wikimedia Commons, the free media repository | Jack Ma

Jack Ma

World Economic Forum at en.wikipedia [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0), GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC BY-SA 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons

Jack Ma speaks during The Future of the Global Economy: The View from China plenary session at the World Economic Forum Annual Meeting of the New Champions in Tianjin, China 28 September 2008.

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© Torsten Becker

Unser Gastautor

Torsten Becker

Smart School Projektleitung | Ganztagsschule Bellevue in Saarbrücken
Lehrbeauftragter Digitalisierung | Universität des Saarlandes

 

 

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Torsten Becker, Smart School Projektleitung, Lehrbeauftragter Digitalisierung

Das Ziel ist die Mündigkeit in einer digitalen Welt.

Torsten Becker
youtu.be/WX0hf_DVKpg

Werbespot der Volks- und Raiffeisenbanken

Der Zug rast unweigerlich auf eine Katastrophe zu - da erscheint aus dem Nichts der rettende Lichbogen