3,5 Milliarden Euro für Bildung

Findet Deutschland endlich den Weg aus der digitalen Bildungsdiaspora?

3,5 Milliarden will die Regierung für den Ausbau der Digitalisierung im Bildungswesen ausgeben. Thomas Jordans rechnet vor, was für jede Schule übrig bleibt - und welche Mittel eigentlich nötig wären, um Deutschlands gravierenden Rückstand aufzuholen.

Euphorie macht sich in der IT-Wirtschaft breit, wenn man hört, was die zukünftige große Koalition im Bereich der Digitalisierung für Schulen plant. 3,5 Milliarden Euro sollen in den nächsten Jahren in Schulen investiert werden, um Bildungseinrichtungen in der gesamten Republik auf den neuesten Stand zu bringen.

Ist das jetzt wirklich der Start, auf den alle so lange gewartet haben? Schaut man sich die nackten Zahlen einmal genauer an, so wird die Euphorie schnell gebremst. Verteilt man das Geld einfach nur gießkannenartig auf alle 40.000 Schulen in Deutschland, so bleiben pro Schule gerade einmal 87.000 Euro übrig, über 4 Jahre verteilt. Viel Geld, sollte man meinen. Ist es aber nicht. Der flächendeckende Investitionsstau an vielen Schulen ist so gravierend, dass diese Summe kaum reichen wird, um auch nur einen Mindeststandard zu etablieren.

Jetzt kann man natürlich darüber diskutieren, was denn ein Mindeststandard ist. Vielleicht hilft hier auch der Blick in unsere Nachbarländer. Beispielsweise verfügen Schulen in den Niederlanden und Dänemark heute bereits standardmäßig über eine Breitbandanbindung mit 1 GB synchron, elektronische Tafeln in jedem Klassenraum, flächendeckendes WLAN in jedem Raum und ein mobiles Endgerät pro Schüler. Würde man dies als Ziel definieren, wird schon am Beispiel einer mittleren dreizügigen Grundschule klar, dass die Mittel bei weitem nicht ausreichen.

3,5 Milliarden reichen bei weitem nicht

Eine Beispielrechnung:

  • Breitanbindung Internet (Kosten über 4 Jahre): ca. 60.000 Euro
  • Einrichtung professionelles WLAN inkl. Verlabelung: ca. 30.000 Euro
  • Elektronische Tafel in jedem Klassenraum (12 Räume): ca. 60.000 Euro
  • Mobiles Endgerät für jeden Schüler (360 Schüler 15 Lehrer): ca. 10.000 Euro

Mit wenigen Basiselemente sind wir schon bei 160.000 €. Die Summe ist also selbst für eine mittelgroße Grundschule viel zu gering. Dass sich das Ganze bei weiterführenden Schulen in der Summe nicht verringert, sondern ein Vielfaches sein wird, muss hier wohl nicht erwähnt werden. Auch dass weitere Komponenten für digitale Bildung noch gar nicht berechnet wurden, wie etwa Dokumentenkameras, 3D-Drucker, Virtual-Realitiy-Brillen und ähnliches, zeigt, dass die geplanten Mittel vielleicht einen Start ermöglichen, aber bei weitem nicht ausreichen, um zu den Spitzenländern im Bereich Digitalisierung der Bildung aufzuschließen. Zu erwarten bleibt, dass diese Länder auch weiterhin nicht kleckern, sondern auch zukünftig klotzen.

Bleiben wir also weit hinter dem, was andere Länder dieser Erde bereits vorleben? Doch Bildungsdiaspora der Digitalisierung? Ein wirklich ernstgemeintes Bestreben, diesen Rückstand aufzuholen, ist weder beim Bund noch bei den Ländern zu erkennen. Andernfalls wären Lehrerausbildung, Unterrichtspläne und Curricula schon lange auf eine solche Marschrichtung ausgerichtet. Verlage haben das längst bemerkt: Sie digitalisieren ihre Inhalte nur zögerlich, was nachvollziehbar ist, solange das gedruckte Buch immer noch die größten Umsätze verspricht.

Deutschland hinkt jetzt schon hinterher - und bald noch weiter

Es bleibt nur, an alle Beteiligten - Politik, Lehrer, Schüler und Eltern - zu appelliern, das Thema Digitalisierung der Bildung ernst zu nehmen und lange notwendige Investitionen einzufordern und umzusetzen. Ansonsten werden wir die Folgen mittel- und langfristig spüren. Schon heute hinkt Deutschland in der Digitalwirtschaft deutlich hinterher. Das wird schlimmer werden, wenn die Ressourcen dafür nicht bald geschaffen werden.

Just my 2 cents ... von Thomas Jordans

Autor: Thomas Jordans, Geschäftsführer

© AixConcept Thomas Jordans

Thomas Jordans

Ein ernsthaftes Bestreben, diesen Rückstand in der Bildung aufzuholen, ist weder beim Bund noch bei den Ländern zu erkennen.

Ausgaben für Bildung als Anteil vom Bruttosozialprodukt im europäischen Vergleich